Deutschland im Streik - Die große Lähmung

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Die große Lähmung
Deutschland im Streik

Die Warnstreiks im öffentlichen Dienst haben den Flugverkehr in Deutschland zum Teil lahmgelegt. Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt fielen hunderte Starts und Landungen aus. In Hamburg legte ein Warnstreik der Flughafenfeuerwehr den Verkehr am Flughafen lahm und sorgte für zahlreiche ausgefallene In- und Auslandsflüge. Auch an den Flughäfen in München, Nürnberg, Stuttgart, Hannover, Düsseldorf und weiteren Airports in Nordrhein-Westfalen gab es erhebliche Verspätungen und gestrichene Verbindungen.

In Berlin beeinträchtigte der am Morgen begonnene unbefristete Streik der Beschäftigten bei den Verkehrsbetrieben den Berufsverkehr stark. Die Polizei registrierte deutlich mehr Autoverkehr als sonst, die S-Bahnen waren teilweise überfüllt. Die Polizei musste am Verkehrsknotenpunkt Bahnhof Friedrichstraße eingreifen, um die Menschenströme zu dirigieren. Zusätzlich sorgte Schneefall für Verkehrsbehinderungen und Staus.

Ver.di will neues Angebot

Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di verlangte ein neues Angebot der Arbeitgeber. Ohne akzeptables Angebot wird es nach den Worten des Vorsitzenden Frank Bsirske weiterhin Streikaktionen im öffentlichen Dienst geben. "Die Streikbereitschaft ist hoch, weil die Menschen die Nase voll haben", sagte Bsirske bei einer Kundgebung auf dem Frankfurter Flughafen. "Jetzt sind die Arbeitgeber gefordert, zu zeigen, ob sie das Signal verstanden haben."

Mit den Streiks wollen die Gewerkschaften vor der morgigen Verhandlungsrunde den Druck auf die Arbeitgeber erhöhen. Ver.di und die dbb Tarifunion verlangen für die 1,3 Millionen Tarifangestellten des Bundes und der Kommunen acht Prozent mehr Geld, mindestens aber 200 Euro im Monat. Die Arbeitgeber boten fünf Prozent, allerdings verteilt auf zwei Jahre und bei Verlängerung der Wochenarbeitszeit.

Frust auf den Flughäfen

Am Hamburger Flughafen fielen durch einen Warnstreik der Feuerwehr 77 Flüge aus. Mehr als 6000 Passagiere waren von dem mehrstündigen Ausstand betroffen. Auch Mitarbeiter des Flughafen-Managements, der Verwaltung und Angestellte der Bundespolizei legten ihre Arbeit befristet nieder. Vor den Schaltern bildeten sich hier wie an anderen Flughäfen lange Schlangen, Geschäftsleute waren erbost, weil sie nicht zu wichtigen Sitzungen reisen konnten.

Am Flughafen Hannover beeinträchtigte der Warnstreik den Verkehr während der weltgrößten Computermesse CeBIT erheblich. "Maschinen können landen, aber nicht abfliegen", sagte ein Flughafensprecher. Fluggäste müssten mit stundenlangen Verspätungen rechnen. An den nordrhein-westfälischen Flughäfen legten nach Gewerkschaftsangaben insgesamt 650 Mitarbeiter aus den Bereichen Flugsicherheit, Sicherheitsdienst, Gepäckabfertigung, Feuerwehr und Bundespolizei die Arbeit nieder. Die Reisenden reagierten zumeist mit großem Verständnis auf die Verspätungen.

In Rheinland-Pfalz begannen großflächige Warnstreiks im Nahverkehr. In Mainz, Ludwigshafen, Trier und Kaiserslautern legten Beschäftigte im Nahverkehr und von Kliniken und Entsorgungsbetrieben die Arbeit nieder. Insgesamt rechnete ver.di landesweit mit rund 5500 Teilnehmern an den Warnstreiks.

Mindestens 200 Euro mehr

Mit den massiven Warnstreiks an den Flughäfen und im öffentlichen Nahverkehr wollen die Gewerkschaften einen Tag vor dem Beginn der nächsten Verhandlungsrunde in Potsdam den Druck auf die Arbeitgeber erhöhen. Ver.di und die dbb Tarifunion verlangen für die bundesweit 1,3 Millionen Tarifangestellten des Bundes und der Kommunen acht Prozent mehr Geld, mindestens aber 200 Euro im Monat. Die Arbeitgeber boten bislang fünf Prozent, allerdings verteilt auf zwei Jahre und bei einer Verlängerung der Wochenarbeitszeit.

Noch eins drauf

Von Montag an müssen sich Millionen Bahn-Reisende auf unbefristete Streiks gefasst machen. Die Lokführergewerkschaft GDL kündigte einen erneuten Arbeitskampf an, um die Unterschrift des Bahn-Konzerns unter den ausgehandelten Tarifvertrag mit elf Prozent Einkommensplus zu erzwingen.

quelle: ntv
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VER.DI LEGT DEUTSCHLAND LAHM
"Einfach nur grauenhaft"

Überfüllte Abflughallen, endlose Schlangen vor den Ticketschaltern: Die Warnstreiks im Öffentlichen Dienst richten auf vielen deutschen Flughäfen Chaos an - und nicht alle Reisenden blieben gelassen.

Frankfurg am Main/Hamburg - Guy aus Luxemburg drückt Kopf und Hände ins Lenkrad. Der Lastwagenfahrer ist im Auftrag der Deutschen Post unterwegs und muss Tor 3 des Frankfurter Flughafens passieren. Doch er ist einen Augenblick zu spät. Entsetzt sieht er aus dem Führerhaus seines Brummis zu, wie das Tor vor ihm geschlossen wird.

Die Männer, die die Zufahrt für Fracht- und Mitarbeiterfahrzeuge gerade dicht gemacht haben, sind dagegen gut gelaunt: "Kräftisch winke!", ruft Wachmann Jürgen Schuhmacher seinen Kollegen entgegen. Die haben sich Ver.di-Müllsäcke übergestülpt, rote Fahnen in die Hand genommen und schieben nun ihre Köpfe am frühen Mittwochmorgen um halb fünf grinsend in das Scheinwerferlicht mehrerer Fernsehkameras. Viele von ihnen haben die Nachtschicht durchgearbeitet und kämpfen nun für acht Prozent mehr Lohn, die unbefristete Übernahme aller Auszubildenden - und nebenbei noch mit der eisigen Kälte.

Denn sie sind Teil der Tausende von Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes, die sich heute bundesweit an ersten Warnstreiks beteiligt haben. Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di will damit den Druck auf die Arbeitgeber verstärken, ein neues Angebot vorzulegen. Sollte das nicht kommen, so die Drohung, werde es weitere Streikaktionen geben.

Drängelnde Menschen, stickige Wartehallen

Wohin das führt, kann man am größten deutschen Flughafen in Frankfurt am Main sehen: Dort legten nach Angaben von Ver.di-Sprecher Gerold Schaub rund 2000 Mitarbeiter planmäßig ab 5.30 Uhr die Arbeit nieder. Betroffen sind vor allem die Sicherheitskontrollen sowie die Gepäckausgabe: "Einige Passagiere haben den Flughafen ohne Gepäck verlassen", erklärt Angelika Heinbuch von der Fraport-Pressestelle. Außerdem starteten die Flieger nicht, seit dem Morgen fielen rund hundert Inlandsflüge aus.

Im Flughafenterminal 1 drängeln sich deshalb unzählige Menschen, die nur eines wollen: ein paar Schritte nach vorne gehen. Vor den Abfertigungsschaltern haben sich lange Schlangen gebildet, bis zur ersehnten Bordkarte liegt oft ein Weg von mehreren hundert Metern. "Es ist einfach nur grauenhaft", seufzt Johanna Burmester aus Offenbach. Die Rentnerin wollte heute mit Mann Herbert nach Teneriffa starten. Mediterranes Klima macht der Seniorin jedoch bereits in Frankfurt am Main zu schaffen - in Halle A drängeln sich wartende Reisende dicht aneinander. Mitarbeiter des Flughafens, die kistenweise Süßigkeiten und Getränke herbeigefahren haben, kommen nicht zu den Wartenden durch.

Immer wieder wird den Passagieren per Lautsprecher das mitgeteilt, was sie seit Stunden am eigenen Leib erfahren: "Wegen eines Streiks der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di ..." - die monotone Durchsage klingt nicht wie eine Information, sondern wie ein Vorwurf. Denn auch wenn der Streik offiziell ab 9 Uhr vorbei sein soll - bis alle Mitarbeiter wieder an den Arbeitsplatz zurück sind, kann es noch Stunden dauern.

20 Feuermänner im Streik - und nichts geht mehr

Das gleiche Bild auch in Hamburg: Hier reichen 20 Feuerwehrmänner aus, um den normalen Ablauf komplett lahm zu legen. Ohne sie geht nichts, die Männer müssen für den Notfall bereitstehen, das ist Vorschrift. 77 Maschinen fallen in Hamburg aus, mehr als 6000 Passagiere müssen warten. Vor den Schaltern bilden sich wie an anderen Flughäfen lange Schlangen, zwischen 6 und 9 Uhr morgens herrscht Stillstand in Hamburg.

Lufthansa-Mitarbeiterin Sandra Jurasz wartet unter den Anzeigetafel am Hamburger Flughafen, um sie herum Koffer, Taschen und Rucksäcke. Mit einem Dauerlächeln kämpft Jurasz gegen den Ansturm besorgter Fluggäste. "Mein Sohn fliegt um neun nach Amerika, klappt das?" fragt eine Frau. Neben ihr steht ein blonder Junge und sieht Jurasz mit großen Augen an. "Herzlichen Glückwunsch", sagt sie und strahlt. "Dein Flieger startet." Der Junge lächelt und geht. "Komme ich um neun nach Frankfurt?" fragt ein Mann. Kopfschütteln. Der Flieger fällt aus, leider. Und nach Mannheim? Das wird wohl auch nichts.

Wer nicht wegkommt, muss zum Ticketschalter der Lufthansa. Umbuchen oder stornieren. Die Schlange geht einmal quer durch die Halle. Zentimeterweise geht es vorwärts. Sonja Peters und Carsten Emcke warten gemeinsam hinter einem Gepäckwagen. Seit zwei Stunden. Da haben sie sich kennengelernt, in der Schlange. Eigentlich wollten beide geschäftlich weg, er nach Polen, sie nach England. Jetzt stehen sie hier. "Berechnungen zufolge sind wir in zwei Stunden dran", sagt Emcke und lacht. "Aber wahrscheinlich nehmen wir noch das Mittagessen mit." Beide grinsen und schieben den Gepäckwagen wieder ein paar Zentimeter nach vorne.

"Die sollen mal eine Woche mit'm Müllwagen mitfahren"

Während die Fluggäste in Hamburg und Frankfurt am Main also mehrheitlich gelassen bleiben, zeigen sich die Streikenden siegesgewiss. Vor dem Vorstandsgebäude des Flughafenbetreibers Fraport in Frankfurt wirken sie sogar eher wie eine Karnevalsgesellschaft: Über ihre blauen Arbeitshosen und gelben Warnwesten haben sie rote Hemden gestülpt. Sambamusik dröhnt aus den Lautsprechern, heiße Bockwürste werden gereicht, Wasserflaschen palettenweise herbeigekarrt. Von einem Wagen herab werden Kampfparolen wie "Arbeitest du noch, oder bettelst du schon?" skandiert. Die Ver.di-Aktivisten am Mikrofon klingen dabei ähnlich wie das hessische Comedy-Duo "Mundstuhl".

Dabei gibt es am Frankfurter Flughafen eigentlich nichts zu lachen: "Wir haben es satt, Lohnverzicht zu üben", ruft Frank Bsirske ins Mikrofon. Applaus. "Wir haben vier Verhandlungsrunden hinter uns", schimpft der Verdi-Vorsitzende weiter. Buhrufe. "Die da oben meinten noch vorgestern, dass niemand von unserem Streik etwas merkt", dröhnt der Gewerkschaftsboss. Gelächter.

Es folgt Kapitalismuskritik mit empfindlichen Seitenhieben in Richtung Berlin: "Die Bundestagsabgeordneten haben sich gerade erst die Diäten erhöht und dies mit Nachholbedarf begründet. Nachholbedarf, das kennen wir doch?", fragt er die Menge. "Jawoll", grölen die Flughafenmitarbeiter zurück. Die Marschrichtung ist klar: Wenn Volksvertreter sich das Gehalt um knapp zehn Prozent erhöhen können, dann dürfen das die einfachen Arbeiter erst recht.

Bsirske erinnert an die steigenden Gewinne, die Fraport seit Jahren verzeichnet. "Die ham se nich mehr alle", empört sich Bsirske und schlägt an Fraport-Vorstand und Bundestag gerichtet vor: "Die sollen mal eine Woche mit'm Müllwagen mitfahren." Eine gute Idee, wie die Menge befindet: "Da simma dabei, dat is pri-hi-ma", kreischen sie und stampfen, trommeln oder klatschen. Frank Bsirske spricht aus, was alle hier wollen: "Mehr Cash in de Täsch."

quelle: spiegel